Handarbeit im Weinberg – hat das noch Zukunft?
Mit den Händen schaffen muß man lernen
Handarbeit fing bei mir so an : mein Großvater nahm mich als 6 jährigen Bub mit in den Weinberg: zum Hacken. Er erzählte dabei, hielt mich bei Laune und brachte mir nach und nach einiges über den Boden, die Un-Kräuter und über die Reben bei; ganz nebenher stärkte sich bei mir ein gewisses Durchhaltevermögen und das gute Gefühl nach getaner Arbeit.
Das ist jetzt fast 60 Jahre her, und ich bin mir sicher: damals wurde der Grundstein für meine Liebe zum Wein gelegt. Typisch hierbei: Handarbeit machte man früher selten allein; zusammen mit anderen verging die Zeit wie im Flug; niemand hat da auf die Uhr geguckt. Gute, alte Zeit … Zur Wahrheit gehört natürlich auch: manchmal habe ich es satt gehabt, Schwielen an den Händen und überhaupt keine Lust mehr; da musste man dann durch.
Jahre später, als ich beim von Weinqualität besessenen Paul Fürst arbeitete, lernte ich, was gute Handarbeit ausmacht. Gute ? – ja, es gibt auch schlechte. Die gute Handarbeit erlernte ich so: zunächst durch Vormachen einfacher Handgriffe, man konzentriert sich auf die richtige Ausführung; das tiefere Verständnis fehlt zu Beginn noch, das kommt mit dem „Falschmachen“; in dieser Lernphase ist man unsicher, eine sorgsame Anleitung ist hier hilfreich. Langsam entwickelt sich dann sowas wie Geschicklichkeit und zu guter Letzt das nötige Tempo.
Gute fachliche Praxis und die modernen Tagelöhner aus Osteuropa
Eine Arbeit mit den Händen gut zu machen, schafft eine intensive Beziehung zum Gegenstand, in unserem Fall zur Weinrebe; beide, die Arbeit des Winzers wie die Rebe erlangen dadurch eine besondere Wertigkeit.
Schlechte Handarbeit im Weinberg ist dagegen einfach „schlecht gemacht“, fehlerhaft und nicht von Dauer. „Gehudel“, wie der Moselaner das nennt.
Wenn auf großen Weingütern eine zusammengewürfelte Mannschaft von ungelernten Tagelöhnern aus Osteuropa die Handarbeit machen, weil es keine Onkels, keine Tanten und arbeitswilligen Einheimischen mehr gibt, dann ist das gelinde gesagt suboptimal; für alle Seiten.
Die Leute verstehen kein Deutsch und besitzen keine Fachkenntnisse; vom Lohn behält oft eine Vermittlungsagentur einen guten Teil ein; letztlich spielt die Qualität ihres Tuns für sie keine Rolle; es werden einfach Stunden gemacht. Es ist nicht überall so, es gibt auch in kleineren Betrieben familiäre Bindungen zu langjährigen Mitarbeitern, aber die Tendenz geht eindeutig zu den vermittelten Tagelöhner, per Bus am Morgen herangekarrt und abends wieder abgeholt. Je größer das Weingut, desto unwahrscheinlicher ist eine gute fachliche Handarbeit alter Schule.
Handarbeit versus Maschine
Doch die Frage ist, ob diese Haltung noch Zukunft hat. Ist in Zeiten von Mechanisierung und GPS-gesteuerten Robotern solch eine von Menschenhand geleistete Arbeit noch wettbewerbsfähig?
Intensiver Einsatz von Chemie in Boden und Pflanzen, Biotechnologie und Hightechprozesse zur De- und Rekonstruktion von Weininhaltsstoffen, einst Verfahren der industriellen Weinproduktion, finden zunehmend auch in den stetig größer werdenden Weingütern Eingang. Es wird immer schwerer für den Weinliebhaber, das zu erkennen; und dann die spannende Frage: wie wirken diese Verfahren auf die Weinqualität ?
Was synthetische Chemie im Weinberg anrichtet, haben wir schon im Blogeintrag zum Ökologischen Weinbau ausgeführt. Biotechnologie spielt im Keller, also beim Weinausbau eine immer stärkere Rolle, auch dies haben wir schon kritisch beleuchtet.
Ein Beispiel: Rebschnitt
Beispielhaft für viele wichtige Arbeiten im Weinberg sei hier einmal der Rebschnitt sowohl per Hand als auch maschinell vorgestellt. Durch den Rebschnitt per Hand schaffen wir von Beginn an eine physische Nähe zur Pflanze; wir spüren Stärke und Biegsamkeit eines Triebes – ob er brüchig oder fest ist – und können die best platzierte Bogrebe für die kommende Saison auswählen; je nachdem ob ein Rebstock wüchsig, also viel und starkes Rebholz aufweist, oder eher schwach und unterentwickelt, so werden unterschiedlich viele Augen, also Knospen beim Schnitt belassen. Dieses individuelle Eingehen auf jede einzelne Rebe spielt sich mit wachsender Erfahrung völlig ohne Denkaufwand ab, also ohne große Überlegungen und Zeitverlust. Generell gilt es den Stock in eine gewünschte Form zu bringen und dabei sowenig wie möglich Schnittwunden dem Stock zuzufügen, da brauch es ein grundlegendes Verständnis der physiologischen Vorgänge. Die angestrebte Erziehungsform ist dann das Resultat eines guten und schonenden Schnitts; der Stock dankt es mit ausgeglichenem Wuchs und langem Leben.
Verglichen damit wird beim ausschließlich maschinellen Schnitt – dem sog. Minimalschnitt – der gesamte Stock wie eine Hecke geschnitten, oben und an den Seiten wird alles mit durchfahrenden Messerbalken eingekappt, dies wird dann auch beim heranwachsenden Grün mehrmals wiederholt. Alles easy und enorm zeitsparend; dann noch regelmäßiger Pflanzenschutz in kurzen Abständen um Krankheiten prophylaktisch auszuschließen und zu guter Letzt die Ernte per Vollernter, der die vielen Trauben von der Hecke schüttelt. Der Mensch sitzt nur auf der Maschine und fährt durch die Rebzeile. So manch einer kennt seinen Traktor besser als den Weinberg.
Die Arbeitsersparnis dürfte sich hier gegenüber der intensiven Bogreben-Erziehung per Hand mit sorgfältigen Pflegearbeiten auf etwa 90 % belaufen ! Eigentlich ein ganz anderer Beruf. Die Traubenqualität allerdings auch: eine ganz andere Qualität – nach unten.
Fazit
Handarbeit im Weinberg spielt immer noch eine große Rolle. Viele Arbeiten am Rebstock führen wir mit der Hand aus; mit Fachkenntnis und Sorgfalt hegen und pflegen wir die Reben und erarbeiten uns so eine starke Bindung zu dem was da heranwächst, den gesunden und inhaltsreichen Trauben. Dadurch, dass wir jeden Tag im Weinberg sind, wissen wir genau wo die Rebe in ihrer Entwicklung steht und wie sie auf die Wetterverhältnisse reagiert. Nur so ist biologischer Weinbau an der Mosel möglich. Diese Nähe setzt sich im Ausbau des späteren Weines fort; was dann in die Flasche kommt, ist nicht nur investierte Mühe, sondern auch unsere Liebe.
Armin Vogel, 06.03.2026

